Die Deutsche Landeskulturgesellschaft auf dem
12. Zukunftsforum Ländliche Entwicklung 2019 in Berlin

Fachforum Nr. 1 »BürgerInnen gestalten ihre Zukunft« am 23. und 24. Januar 2019

Bericht:

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Karl-Heinz Thiemann
Vorsitzender der DLKG

Bürgerinnen gestalten ihre Zukunft, 23. Januar 2019. Foto: BMEL / Ingo Heine Bürgerinnen gestalten ihre Zukunft, 23. Januar 2019. Foto: BMEL / Ingo Heine

Das Zukunftsforum Ländliche Entwicklung, welches vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) begleitend zur Internationalen Grünen Woche ausgerichtet wird, ist die größte Veranstaltung zur ländlichen Entwicklung in Deutschland.

Es fand in diesem Jahr unter dem Motto „Ländliche Entwicklung – Gemeinsame Aufgabe für Staat und Gesellschaft“ am 23. und 24. Januar 2019 in Berlin statt und verzeichnete mit über 1.300 Teilnehmern einen neuen Besucherrekord. Die Veranstaltung ist Höhepunkt des nationalen Teils der Internationalen Grünen Woche. Sie bietet den Akteuren der ländlichen Entwicklung aus Politik, Verwaltung, Verbänden und Wissenschaft eine Bühne, zwei Tage lang die vielfältigen Fragestellungen zur Erhaltung und Gestaltung der ländlichen Räume zu diskutieren und sich nach der zentralen Eröffnungsveranstaltung in 24 Fachforen themenbezogen auszutauschen. Dieser breite Ansatz macht den Erfolg des Zukunftsforums aus, wobei in diesem Jahr die Eröffnung durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine besondere Anziehungskraft ausübte.

In der Eröffnungsrede griff der Bundespräsident die Erfahrungen aus seiner im letzten Jahr durchgeführten Besuchsreise auf. Unter dem Motto „Land in Sicht – Zukunft ländlicher Räume“ informierte er sich in ausgesuchten strukturschwachen ländlichen Regionen (Bayerischer Wald, Uckermark, Görlitz, Südwestpfalz) über deren Problemlagen und knüpfte damit an die schon in seiner Antrittsrede am 22. März 2017 im Bundestag aufgeworfenen Fragestellung an: „Wie erhalten wir Hoffnung dort, wo im Dorf Schule, Arzt, Friseur, Tankstelle längst geschlossen sind und jetzt auch noch die letzte Busverbindung gekappt wird?“ Besondere Stärken der ländlichen Räume sieht der Bundespräsident im dörflichen Zusammenhalt und dem ausgeprägten ehrenamtlichen Engagement. Dabei betonte er ausdrücklich, dass dies aber keine Entschuldigung für den Staat sein darf, sich aus der Fläche zurückzuziehen. Zusammenfassend stellte Steinmeier drei Schlüsselfaktoren heraus, um den Problemen in peripheren strukturschwachen Regionen wirksam begegnen zu können: Zur notwendigen Grundausstattung gehört heute ein schnelles Internet (5G) genauso wie Schulen, Senioren- und Kinderbetreuung oder ärztliche Versorgung, damit aus der Daseinsvorsorge eine „Dableibevorsorge“ wird. Dies ist durch eine sinnvolle Förderung zu gewährleisten, die auch die Bürger mit einbezieht und befähigt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, um die große Innovationsfreude vieler Menschen in den ländlichen Räumen zu nutzen. Dies sei gerade auch für das soziale Leben in den Dörfern von Bedeutung.

Die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, hob in ihrer Rede das klare Bekenntnis der Bundesregierung zur Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse in Stadt und Land hervor. Deshalb dürfe es auch bei der Digitalisierung keine zwei Geschwindigkeiten in Deutschland geben. Nach Auffassung der Bundesministerin ist die Digitalisierung eine der zentralsten Fragen, wenn es um gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Teilräumen geht und sowohl für die wirtschaftliche Entwicklung als auch für die Organisation des gesellschaftlichen Zusammenhalts essenziell. Bemerkenswert war auch ihr klares Bekenntnis zur Grundgesetzänderung im Zusammenhang mit der erforderlichen Weiterentwicklung der GAK. Nach allgemeiner Einschätzung, so die Ministerin, ist im ländlichen Raum das ehrenamtliche Engagement besonders ausgeprägt und ein oft unterschätzter Standortfaktor. Eine wichtige Aufgabe des Staates sei es daher, dem Ehrenamt hauptamtliche Strukturen zur Seite zu stellen, die Vereine, Institutionen und auch Einzelpersonen beraten und begleiten.

Genau dieses Themenfeld war Gegenstand des Fachforums Nr. 1 „BürgerInnen gestalten ihre Zukunft“, das gemeinsam von der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Nachhaltige Landentwicklung (ArgeLandentwicklung) und der Deutschen Landeskulturgesellschaft (DLKG) durchgeführt wurde. Die über 150 Teilnehmer des Forums brachten die Relevanz des Themas für eine zukunftsfähige Gestaltung der ländlichen Räume zum Ausdruck und zeigten, dass die Veranstalter ein drängendes Handlungserfordernis aufgegriffen haben.

Ministerialdirigent Dr. Ekkehard Wallbaum, Vorsitzender der ArgeLandentwicklung, betonte in seiner Begrüßung und Eröffnung nochmals die Bedeutung des Ehrenamts für die Entwicklung der ländlichen Räume. Gerade ein aktives Vereinsleben macht Dörfer für Jung und Alt attraktiv. Wer vor Ort erfährt, dass er Teil der Gemeinschaft ist und Dinge bewegen kann, wird sich nicht so schnell abgehängt fühlen. Somit trägt das Ehrenamt auch zur Demokratiestärkung bei, die gerade heute besonders wichtig ist.

In seinem Grundsatzreferat „Landentwicklung vor neuen Aufgaben“ verdeutlichte Ministerialrat Wolfgang Ewald, Vorsitzender des Arbeitskreises Grundsatzangelegenheiten der ArgeLandentwicklung, dass sich die Gestaltung von Veränderungs- und Beteiligungsprozessen sowie die soziale Dorfentwicklung in den letzten Jahren zu einem neuen Aufgabenfeld der Landentwicklung etabliert haben, das es weiter zu verstärken gelte. Dabei geht es vor allem um „Unterstützung von unternehmerischen Menschen und Pionieren des Wandels, Aktivierung möglichst breiter sozialer und gesellschaftlicher Potenziale sowie Unterstützung sozioräumlicher Entwicklungsprozesse und Einbindung sozialen Kapitals“. Über die bisher umfassende Bürgerbeteiligung hinaus ist dazu ein aktivierendes Handeln notwendig, das auch die Befähigung der Akteure und den Aufbau von Netzwerken mit einschließt.

Um den Bogen von der Theorie zur Praxis und konkreten Umsetzung zu schlagen, wurden anschließend vier Best-Practice-Beispiele vorgestellt, die das neue Handlungsfeld abdecken.

Alfred Wolf stellte die Pilotinitiative „HeimatUnternehmen“ der Bayerischen Verwaltung für Ländliche Entwicklung im Landkreis Tirschenreuth vor. Ihr Ziel ist der Aufbau und die Unterstützung eines Netzwerkes unternehmerischer Menschen mit dem Zweck innovative Projekte und neue Unternehmensgründungen zu initiieren. Die Initiative begann im Oktober 2016 mit fünf Gründern und ist innerhalb von nur zwei Jahre auf 24 „Heimatunternehmen“ angewachsen. Dies beweist das Potenzial des „Supportive Leader-Ansatzes“, um in einer strukturschwachen Region die wirtschaftliche Entwicklung zu beleben und Arbeitsplätze durch innovative Kleinstunternehmen zu schaffen.

Die Frage, wie Resignation und Desinteresse in Motivation und Engagement gewandelt werden können, beantworteten Nicole Müller und Anneke Richter vom Verein „heimatBEWEGEN“ e.V. aus Ballenstedt, Sachsen-Anhalt. Unter dem Titel „BürgerInnen übernehmen Verantwortung für ihre Region“ belegten sie eindrucksvoll, dass auch bei einer aus Enttäuschung entstandenen eher passiven und abwartenden Einstellung in der Bürgerschaft ein Wende möglich ist. Innerhalb von nur einem Jahr ist es dem Verein gelungen, ein „heimatLABOR“ als partizipative Ideenschmiede und gemeinschaftlichen Innovationsraum aufzubauen und so einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess in Gang zu bringen. Frau Müller wurde aktuell mit ihrer Idee des „heimatLABORS“ in den Kreis der Neulandgewinner der Robert Bosch Stiftung aufgenommen.

Ein solcher Veränderungsprozess in der Einstellung zur Heimat und den eigenen Möglichkeiten ist vielfach Voraussetzung für eine nachhaltige Orts- und Innenentwicklung. Hierzu gab Jürgen Stelter von der Interessengemeinschaft „DorfLEBEN“ einen Einblick in die Dorfentwicklung Ober-Schmitten der Stadt Nidda, Hessen, die Bestandteil des BMBF-Forschungsvorhabens „Dorf und Du“ ist. Dabei wurde deutlich, wie durch Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit ein neues Bewusstsein sowohl bei den politischen Entscheidungsträgern als auch bei den bürgerschaftlichen Akteuren für eine flächensparende Innenentwicklung geschaffen werden kann, die darüber hinaus auch eine Aktivierung der Dorfgemeinschaft bewirkt. Hierdurch kann eine ganzheitlicher Entwicklungsansatz erfolgreich umsetzt werden.

Abgerundet wurde die Reihe der Praxisbeispiele durch den Vortrag von Xaver Diermayr von der Genussinvest GmbH aus Prien am Chiemsee. Er beschrieb vor dem Hintergrund des normalen Geldkreislaufs, wie durch Genussrechte und Crowdfunding Projekte über Bürgerbeteiligungen finanziert und so Geld aus der Region für deren wirtschaftliche Entwicklung genutzt werden kann. Dies hat gleichzeitig zur Folge, dass die regionale Wertschöpfungskette von der Erzeugung über die Vermarktung bis zum Verbrauch gestärkt und damit nachhaltiger gewirtschaftet wird.

In der abschließenden Podiums- und Plenumsdiskussion unter Leitung von Prof. Dr. Karl-Heinz Thiemann, Vorsitzender der DLKG, wurde nochmals deutlich, dass die aktivierenden Elemente der Landentwicklung stärker als bisher genutzt werden sollten. In diesem Zusammenhang geht es sowohl um die Schaffung und Unterstützung von Netzwerken unternehmerischer Menschen zur Belebung der heimischen Wirtschaft als auch um die Bildung und institutionelle Förderung von bürgerschaftlichen Initiativen selbstorganisierter Prozesse der Land- und Dorfentwicklung. Wenn in diesen kreativen Strukturen dann aus Ideen Projekte geworden sind, können die klassischen Instrumente der Strukturförderung greifen und diese unterstützen.

Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass das vollständige Programm und die Dokumentation aller Zukunftsforen seit 2008 auf www.zukunftsforum-laendliche-entwicklung.de zu finden sind. Hier sind auch die Präsentationen zu den genannten Vorträgen des Fachforums eingestellt.